Refinanzierung der NORD/LB
„Cyberangriffe treffen dieselben Kennzahlen wie die Kreditrisikoprüfung“
Cyberangriffe zählen längst zu den wichtigsten Risiken für Unternehmen jeder Größe und Branche. Ob Produktionsausfall, Lieferkettenunterbrechung oder Reputationsschaden – die wirtschaftlichen Folgen eines erfolgreichen Angriffs reichen weit über die IT-Abteilung hinaus. Wir sprechen mit unserer Kollegin Anja Schaks darüber, warum klassische IT-Sicherheit heute nicht mehr ausreicht und inwiefern Cyberrisiken zunehmend wie klassische Kreditrisiken betrachtet werden.
Cyber-Resilienz wird zunehmend in der Chefetage angesiedelt und als unternehmerische Kernkompetenz verstanden. Warum reicht klassische IT-Sicherheit heute nicht mehr aus und wie wird Cyber-Resilienz zum echten Wettbewerbsvorteil?
Klassische IT-Sicherheit konzentriert sich vor allem darauf, Angriffe zu verhindern. Das bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr aus. Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr, ob ein Unternehmen Ziel eines Cyberangriffs wird, sondern wie gut es darauf vorbereitet ist. Cyberresilienz bedeutet also, im Störungsfall handlungsfähig zu bleiben, kritische Prozesse aufrechtzuerhalten und schnell wieder in den Normalbetrieb zurückzukehren. Damit wird das Thema zu einer Managementaufgabe und zu einem wesentlichen Bestandteil eines belastbaren Geschäftsmodells.
Ein Wettbewerbsvorteil entsteht dort, wo Unternehmen digitale Innovation, operative Stabilität und Risikosteuerung miteinander verbinden. Wer Cyberrisiken beherrscht, stärkt nicht nur seine Sicherheit, sondern auch die Verlässlichkeit gegenüber Kunden, Lieferanten, Investoren und Finanzierungspartnern.
Sie vergleichen Cyberrisiken mit klassischen Kreditrisiken. Was meinen Sie damit genau und was bedeutet das für die Sicht von Finanzinstitutionen?
Cyberrisiken werden zunehmend als wirtschaftliche Risiken betrachtet, das liegt daran, dass erfolgreiche Angriffe Produktionsausfälle, Lieferkettenunterbrechungen, Reputationsschäden oder erhebliche Liquiditätsbelastungen verursachen. Aus Bankensicht finanzieren wir nicht nur Maschinen oder Gebäude, sondern die zukünftige Leistungs- und Rückzahlungsfähigkeit eines Unternehmens. Cyberangriffe wirken letztlich auf dieselben wirtschaftlichen Größen, die auch für die Kreditrisikobetrachtung relevant sind.
Wenn beispielsweise Produktion oder Logistik über längere Zeit ausfallen, entstehen finanzielle Auswirkungen, die weit über den eigentlichen IT-Vorfall hinausgehen und als Teil des Unternehmens- und Kreditrisikos verstanden werden müssen. Für Unternehmen bedeutet das nicht, dass fehlende Cybermaßnahmen automatisch zu schlechteren Finanzierungskonditionen führen. Es bedeutet aber, dass professionelle Risikosteuerung und Resilienz zunehmend Bestandteil einer ganzheitlichen Unternehmensbewertung werden.
Mit NIS2 steigen die regulatorischen Anforderungen deutlich, wo stehen Unternehmen in der Umsetzung und wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsdruck?
Viele Unternehmen haben das Thema inzwischen auf der Agenda, befinden sich aber noch in unterschiedlichen Reifegraden der Umsetzung. Der größte Handlungsdruck besteht aus meiner Sicht weniger bei einzelnen technischen Maßnahmen als bei der organisatorischen Verankerung. NIS2 macht deutlich, dass Cyberrisiken nicht ausschließlich Aufgabe der IT-Abteilung sind, sondern Verantwortung der Unternehmensleitung. Gefragt sind klare Verantwortlichkeiten, belastbare Governance-Strukturen, transparente Risikobewertungen und definierte Notfall- und Krisenprozesse. Genau hier findet aktuell in vielen Unternehmen ein Perspektivwechsel statt: weg von der technischen Einzelmaßnahme, hin zur integrierten Steuerung unternehmerischer Risiken.
Wie können Unternehmen ihre Widerstandsfähigkeit erhöhen und wie stehen wir ihnen in puncto Cyberresilienz unterstützend zur Seite?
Widerstandsfähigkeit entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren: Dazu gehören klare Governance, kontinuierlich überprüfte Prozesse, Notfallpläne, sensibilisierte Mitarbeitende und ein realistischer Blick auf Abhängigkeiten innerhalb der eigenen Wertschöpfungs- und Lieferketten. Entscheidend ist ferner der Wechsel vom reaktiven zum aktiven Risikomanagement. Hier sollte die Frage nicht lauten „Wie reagieren wir?“, sondern „Wie erkennen wir Risiken frühzeitig?“
Wir verstehen uns dabei nicht als IT-Berater, sondern als Partner für Zukunftsfähigkeit und Resilienz. Wir helfen, Investitionen in Sicherheit und digitale Stabilität finanzierbar zu machen und dass sowohl durch klassische Finanzierungsinstrumente als auch Förderprogramme. Darüber hinaus können wir dazu beitragen, das Thema in einen größeren unternehmerischen Zusammenhang einzuordnen. Denn Cyberresilienz betrifft heute Finanzierung, Governance, Versicherbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit zugleich.
Zudem arbeiten wir mit spezialisierten Partnern im Bereich Active Cyber Assurance zusammen: Absicherung im Schadensfall wird hier mit präventivem Risikomanagement verbunden. So erhalten Unternehmen kontinuierlich Transparenz über ihre Risikolage und Bedrohungsszenarien, eingebettet in ein ganzheitliches Konzept von Prävention, Transparenz und Krisenbewältigung.
Unser Ziel ist es, Unternehmen zu befähigen, ihre Bedrohungslage zu erkennen, Risiken frühzeitig zu identifizieren und echte Steuerungsfähigkeit zu gewinnen. Denn Resilienz entsteht dort, wo Unternehmen Risikotransparenz gewinnen und dadurch handlungsfähig bleiben. Cyberresilienz ist kein isoliertes IT-Projekt, sondern wesentlicher Bestandteil eines widerstandsfähigen, zukunftsfähigen Geschäftsmodells.
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Anja Schaks
Corporate Financial Advisory, ESG Advisory, Öffentliche Refinanzierung