Kaffeehandel und Röstereien – spannendes Umfeld in preissensiblem Markt

Ohne Kaffee geht für die meisten Deutschen am Morgen gar nichts. 168 Liter davon tranken sie 2020 pro Kopf. Doch der Markt kämpft mit Turbulenzen. So sorgte Corona dafür, dass der Konsum sich mehr in die eigenen vier Wände verlagert hat. Während die Gastronomie ein Minus von 23 Prozent verzeichnete, steigerte sich der Verbrauch zuhause um elf Prozent. Zudem zogen 2021 die Preise des nach Erdöl zweiwichtigsten Handelsgut der Welt kräftig an, und zwar auf ein Zehnjahreshoch von knapp 2,50 Dollar pro Pfund. Gründe dafür sind schlechte Ernten in Brasilien, dem internationalen Kaffeeproduzenten Nummer eins, sowie Logistikprobleme.

Davon sind auch die rund 900 deutschen Röstereien und Kaffeehändler stark betroffen. Schließlich ist man mit einem Volumen von über 220.000 Tonnen Exportweltmeister. Und obwohl Qualität oder Nachhaltigkeit für die Konsumenten immer wichtiger werden, entscheidet am Ende stets noch der Preis im Supermarkt. Zwar verbrauchten die Deutschen 2021 Prognosen zufolge Kaffee für 18,5 Milliarden Euro. Doch ist man hierzulande sehr preissensibel, wie der internationale Vergleich zeigt. Pro Kopf gab man gerade einmal 212,40 Euro dafür aus. In Österreich dagegen waren es 334,30 Euro und in den Niederlanden 570,30 Euro. Die Weitergabe der gestiegenen Kosten an den Verbraucher dürfte sich also schwierig gestalten.

Lesen Sie in unseren zwei Interviews, mit welchen Fragen sich der Kaffeeimporteur Gollücke & Rothfos sowie die Spezialisten der NORD/LB derzeit rund um Kaffee beschäftigen.

„Kaffee: Verstärkte Verlagerung zum In-Home-Konsum“

Kaffee ist nicht nur ein Genussmittel, sondern in gewisser Weise auch ein Lifestyleprodukt. Diese Trends muss auch ein traditionsreicher Kaffeeimporteur wie die Bremer Gollücke & Rothfos bedienen. Im Gespräch sprechen Dieter Seevers, Geschäftsführer Gollücke & Rothfos, und Alexander Kornek, Finance Director Gollücke & Rothfos, über die neuesten Trends in der Branche.

Dieter Seevers, Geschäftsführer Gollücke & Rothfos
Alexander Kornek, Finance Director Gollücke & Rothfos

Gollücke & Rothfos befindet sich im Zentrum zwischen Produzenten, Exporteuren und seinen Kunden. Welche Rolle spielt heute Nachhaltigkeit beim Handel mit dem feinen Getränk?

Seevers: Das Thema Nachhaltigkeit spielt für uns und unsere Kunden eine immer wichtigere Rolle, es ist das Thema der Zukunft: Klimaneutralität, „Responsibly sourced“, Lieferkettenverantwortlichkeit und „Gender-Equality“ sind die Säulen vieler Nachhaltigkeitsstrategien und werden in unserer Branche immer wichtiger. Seit einiger Zeit sorgt zudem das Lieferkettengesetz dafür, dass sich alle Unternehmen mehr mit den Risiken innerhalb der Lieferketten auseinandersetzen, Risiken ermitteln und ggf. abstellen.

Wie hat die Corona-Pandemie das Geschäft bei Gollücke & Rothfos verändert und welcher neue Trend ist in der Pandemie entstanden?

Seevers: Die Pandemie hat die Kaffeebranche verändert und es gab eine starke Verlagerung vom Out-of-Home-Konsum zum In-Home-Konsum. In Summe blieb die Nachfrage nach Kaffee aber konstant. Die gestiegene Nachfrage nach Kaffeevollautomaten und Siebträgermaschinen der privaten Haushalte hat den Verkaufsanteil der ganzen Bohne gegenüber gemahlenem Kaffee bzw. Filterkaffee weiter erhöht. Die Corona-Pandemie verstärkte bereits bestehende Logistikprobleme weiter, was wiederum zu erheblichen Störungen innerhalb der Lieferketten führte. Die dadurch erhöhten Kosten für den Wareneinsatz können zu mittelfristigen Verschiebungen bei der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele führen.

Stichwort Vollautomaten, Filterkaffee und Home Brew – die Konsumentenwünsche differenzieren sich immer weiter aus – wie kann man das zeitgemäß bedienen?

Kornek: Röstereien haben es über Jahrzehnte geschafft, nicht nur auf Konsumentenwünsche einzugehen, sondern selbst Trends zu setzen. Daher ist es für traditionelle aber auch für moderne Röstereien unabdingbar, den Markt zu beobachten, zu analysieren, Trends zu verstehen oder auch zu setzen. Dabei unterscheiden wir zwischen industrieller Produktion und Manufakturbetrieben. Während innerhalb der industriellen Produktion die Diversität der Kaffees etwas rücklaufend zu sein scheint und dennoch den Publikumsgeschmack trifft, differenzieren sich die Manufakturbetriebe durch die verschiedenen Ursprungsländer der Kaffees, sogenannte „single origins“. Der Sektor der Manufakturbetriebe wächst stark und auch industrielle Produzenten platzieren sich in dem Manufaktursegment der Spezialitätenkaffees.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf den Kaffeeanbau und wie wirkt sich dies auf Sie aus?

Kornek: Der Klimawandel führt derzeit dazu, dass die Anbauregionen schrumpfen. Es gibt immer weniger Platz und Boden, auf dem Kaffee angebaut werden kann. Als Konsequenz züchtet man Kaffees, die resilienter gegenüber dem Klimawandel sind bzw. die mit den Klimaschwankungen besser umgehen können. Zudem beeinflussen verschiedene Wetterphänomene die Kaffeeernte, wie bspw. der Frost in Brasilien im Juli und August letzten Jahres. Studien kommen zu dem Schluss, dass im Jahr 2050 bei gleichbleibendem Klimwandel nur noch 50% der heutigen Kaffeeanbauflächen bebaut werden können.

Fair Trade wächst, bleibt aber eine Nische. Ist der Verbraucher inzwischen bereit, für Fair Trade auch faire Preise zu bezahlen?

Seevers: Die generelle Bereitschaft des Verbrauchers guten und nachhaltig produzierten Kaffee zu kaufen, ist nachweislich vorhanden. Wie die gestiegenden Lebenshaltungskosten diese Bereitschaft mittelfristig beeinflussen werden, kann allerdings nur schwer prognostiziert werden.

Wie haben sich die Strukturen im Kaffeehandel durch Fair Trade verändert?

Seevers: Die Strukturen im Kaffeehandel werden immer transparenter. Die jahrelangen Bemühungen der Fair Trade-Organisationen auf die Märkte Einfluss zu nehmen, haben hierzu sicherlich einen großen Beitrag geleistet.

„Kaffee hat eine lange Liefer- und Transportkette“

Kaffee legt eine lange Reise zurück, bis er tatsächlich in der Tasse eines Verbrauchers landet. Als globales Produkt mit einer langen Liefer- und Transportkette bringt dies auch in Sachen Finanzierung Herausforderungen mit sich. Im Doppelinterview berichten Marlies Leibrandt, Firmenkundenbetreuerin NORD/LB und Nina Pochert, Produktspezialistin NORD/LB, wie man diese Aufgaben pragmatisch lösen kann.

Marlies Leibrandt, Firmenkundenbetreuerin NORD/LB
Nina Pochert, Produktspezialistin NORD/LB

Frau Leibrandt, worum ging es bei der Finanzierung für die Gollücke & Rothfos GmbH?

Leibrandt: Das Bremer Unternehmen Gollücke & Rothfos hat sich bis zu diesem Zeitpunkt intern über die Konzernmutter finanziert. In diesem speziellen Fall nun ging es darum, für das Unternehmen eine eigene Betriebsmittelfinanzierung auf die Beine zu stellen. Dahinter steckte ein Wandel in der Konzernfinanzierungsstrategie: Die Töchter sollten ihren Finanzierungsbedarf künftig selbst stemmen. Die Finanzierung selbst haben wir in Form einer Borrowing Base Struktur umgesetzt: Dabei wird die Kreditinanspruchnahme verknüpft mit dem freien Nettoumlaufvermögen, das dafür als Sicherheit dient.

Was war besonders und vielleicht sogar etwas knifflig an der Finanzierung – und wie haben Sie es gelöst?

Pochert: Kaffee ist ein globales Produkt mit einer langen Liefer- und Transportkette. Und genau dies war die Besonderheit, denn wir mussten die gesamte Transportkette besichern. Wir mussten also zunächst einen Ansatz zur Besicherung des Transports der Ware selbst erarbeiten – und ob es blinde Flecken gibt, wo dieser Sicherheitsmechanismus nicht mehr greift. Zudem müssen Kaffeelager sehr häufig und schnell gedreht werden, daher musste die lückenlose Besicherung des Kaffees garantiert sein. Außerdem gab es ja noch die Muttergesellschaft und es musste auch die Herauslösung der Sicherheiten aus der Finanzierung der Muttergesellschaft geregelt werden.

Gab es Probleme, mit denen Sie nicht gerechnet hatten?

Leibrandt: Als wir starteten lag der Börsenpreis für Arabica an der ICEA in New York noch unter 150 ¢. So ist der Preis z.B. in nur sechs Monaten von 160 ¢ (3. Juni 2021) auf über 240 ¢ (3. Dezember 2021) angestiegen. Gleichzeitig handelt der Kunde den Kaffee an der Börse, um sich gute Preise zu sichern und diese Veränderung in Bezug auf den gestiegenen Finanzierungsbedarf mussten wir dann auch mit in die Finanzierung aufnehmen. Es war eine Finanzierung in einem sehr anspruchsvollen Umfeld! Dabei hat die Bank die Strukturierung von A-Z durchgeführt und sich sehr intensiv mit Gollücke & Rothfos auseinandergesetzt. Das heißt: Man sieht sich viele Einzelprozesse und ihre Abläufe an, um es im Produkt korrekt zusammenzusetzen und eine optimale Dokumentation zu bauen.                                      

Was ist heute an der Zusammenarbeit mit Kunden im Rahmen von Finanzierungen unabdinglich und besonders? Wie bedient die NORD/LB diese Herausforderungen?

Leibrandt: Branchenexpertise und individuelle Lösungen sind heute das A&O im Banking. Alle unsere Kunden wollen heute auf Augenhöhe bedient werden – es ist wichtiger denn je, ihr Geschäft zu verstehen. Aber auch bei der Lösung selbst ist Individualität gefragt: So gibt es zwar einen Baukasten an Produkten, aber die Ausgestaltung muss jeweils mit dem Kunden individuell erstellt werden. Welche Bedürfnisse gibt es wann, welche zusätzliche Optionen braucht der Kunde oder braucht er gar Extralinien? Um dies zu verstehen, muss man die Branche kennen. 

Welcher Finanzierungsbedarf ist durch die Corona-Krise entstanden?

Pochert: Wie schon angedeutet kommt beim Punkt Preis auch beim Kaffee die Lieferkettenproblematik ins Spiel. Es gibt derzeit begrenzte Containerkapazitäten für den Kaffee und die Frachtraten sind im Vergleich zu den Vorjahren deutlich angestiegen. Um dies abzufangen, werden derzeit die Bestände in Europa in den Lagern stark abgebaut. Und – ganz wichtig – viele schauen sich nach alternativen Transportmöglichkeiten wie Bulk-Carriern um.

Wie hat die Corona-Pandemie die Abwicklung des Projekts verändert?

Leibrandt: Es war sehr spannend! Wir haben Gollücke & Rothfos digital „ongeboarded“ und inzwischen hat es sich im Arbeitsverhältnis tatsächlich als Standard durchgesetzt und es funktioniert auch sehr gut auf der Arbeitsebene. Dennoch ist und bleibt das Persönliche zwischen einem Kunden und seinem Ansprechpartner auch heute wichtig. People Business über das Internet ist inzwischen eine Kategorie für sich!

Kontakt