„Es kann auf keine Windenergieanlage verzichtet werden“ 

Das Kernthema der Windbranche sind die Ausschreibungen. Im Juli 2018 bezieht Jürgen Broers, Finanzierungsexperte für Erneuerbare Energien in der Norddeutschen Landesbank, Position und wagt einen Blick in die Zukunft.

Herr Broers, wie beurteilen Sie die Ausschreibungsergebnisse 2017?

Kritisch. Die Ergebnisse haben aus unserer Sicht nicht umfänglich die Erwartungen des Gesetzgebers erfüllt. Hier gab es Fehlsteuerungen – vor allem, weil es keinen fairen Wettbewerb gab.

Was ist aus Ihrer Sicht schief gelaufen?

2017 mussten Bürgerenergiegesellschaften bei der Abgabe ihrer Angebote noch keine Genehmigung nach Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) vorlegen – im Gegensatz zu anderen Bietern. Dadurch konnten sie deutlich früher an der Ausschreibung teilnehmen und erhielten viel früher Sicherheit über die Höhe der künftigen Vergütung. Sie konnten einen Realisierungszeitraum von 54 Monaten ausnutzen und daher bei ihren Geboten ganz andere Technologieentwicklungen und Preise unterstellen als Bieter mit Genehmigungen. Diesen wurden lediglich Realisierungsfristen für die Vorhaben von 30 Monaten zugestanden.

Was war die Konsequenz?

Es gab vor allem Verlierer, zum Beispiel die Umwelt. Schließlich muss hinterfragt werden, wann und in welchem Umfang die noch nicht genehmigten Projekte – immerhin etwa 90 Prozent der Ausschreibungszuschläge 2017 – umgesetzt werden und wie die Ausbauziele für Erneuerbare Energien erreicht werden können. Verlierer waren auch die vielen Inhaber von BImSchG-genehmigten Projekten, die „echten“ Bürgerenergiegesellschaften, die nicht spekulativ bieten wollten oder konnten und die in den Auktionen nicht zum Zuge kamen. Diese mussten sich anschließend fragen, ob ihre Standorte unter den neuen Bedingungen überhaupt noch umsetzungsfähig sein würden.

Und der Verbraucher?

Sicherlich kann man festhalten, dass die Kosten für erzeugten Strom aus Windenergie durch die Ausschreibungsergebnisse im Sinne des Gesetzgebers zurückgehen – insofern sieht die Regierung den Verbraucher als Gewinner. Für die Branche bedeuten die Ausschreibungen 2017 aber eine erhebliche Delle im Geschäft. Diese wird noch dadurch vergrößert, dass deutlich weniger neue Windparks genehmigt werden, teilweise durch eine restriktivere Gestaltung der Rahmenbedingungen auf Länderebene.

Hat sich für die Windmüller in 2018 etwas am Ausschreibungsverfahren verändert?

Ja, der Gesetzgeber hat das Prozedere für die ersten beiden Wind Onshore-Ausschreibungsrunden am 1. Februar und 1. Mai 2018 deutlich verändert. Alle Teilnehmer benötigten bei der Abgabe ihrer Gebote zwingend eine BImSchG-Genehmigung. Damit war ein fairer Wettbewerb zwischen allen Geboten möglich. Zudem verband die Branche damit die Hoffnung, dass die Fehlsteuerungen des vergangenen Jahres beendet seien und Projekte zügiger umgesetzt werden können. Die Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD hat sich im Mai dieses Jahres auf eine verpflichtende Einführung der BImSchG-Genehmigung als Zugangsvoraussetzung am Ausschreibungsverfahren verständigt. Der Bundestag und der Bundesrat haben am 8. Juni 2018 diese gesetzliche Regelung zur Verlängerung des Moratoriums gemäß § 104 (8) EEG bis Mitte 2020 beschlossen. Mit der Verlängerung ist ein Versprechen aus dem Koalitionsvertrag und eine Forderung des BWE sowie auch unseres Hauses aus den letzten Monaten quasi in letzter Minute vor der nächsten Ausschreibung erfüllt worden. Die BImSchG-Pflicht wird nun um weitere zwei Jahre verlängert und ab der Ausschreibungsrunde am 1. August 2018 wirksam.

Welche Signale sendet das Ausschreibungsergebnis vom Mai 2018 an die Branche?

Aus unserer Sicht grundsätzlich positive. Die Entwicklung und die Erhöhung des durchschnittlichen Zuschlagswertes auf nunmehr 5,73 Cent/kWh und die damit verbundene projektbezogene Höhe der Vergütung bieten wieder stärkere Anreize, an zukünftigen Ausschreibungen teilzunehmen. Damit sind weiterhin grundsätzlich die Projektierung und der Betrieb von Windenergieanlagen auch an windschwächeren Standorten möglich, was dem Ziel einer besseren Verteilung der Erzeugungskapazitäten entspricht. Für uns Projektfinanzierer ist das ebenfalls eine bessere Basis. Ein weiteres positives Signal ist, dass echte Bürgerenergiegesellschaften mit 15 Geboten erfolgreich an der letzten Auktion teilnahmen, obwohl sie eine BImSchG-Genehmigung für die Teilnahme vorlegen mussten. Die Vorlage der Genehmigung war hier offensichtlich keine unüberwindbare Hürde.

Wie bewertet die NORD/LB das Ausschreibungsergebnis?

Grundsätzlich positiv. Wir freuen uns, dass einige unserer Kunden, die in den ersten Runden 2017 verloren hatten, jetzt einen Zuschlag erhalten haben. Erfreulich ist auch, dass die Realisierungswahrscheinlichkeit von Projekten im Süden steigt. Allerdings zeigen die Ausschreibungen auch, dass das Ausschreibungssystem noch am Anfang einer „Lernkurve“ steht, was zum Beispiel das Bietungsverhalten und die Frage, ob man sich an der Ausschreibung beteiligt, angeht. Es ist festzustellen, dass die erste Ausschreibung im Februar ausreichend hoch überzeichnet war. Damit gab es eine Wettbewerbssituation, wenngleich diese nicht so deutlich ausgeprägt war wie in 2017. Im Mai wurden für das ausgeschriebene Volumen von 670 MW leider nicht ausreichend Angebote abgegeben. Ich denke, wir müssen genauer hinterfragen, warum im Februar 40 und im Mai mehr als 50 Prozent der genehmigten Projekte nicht an den Ausschreibungen teilgenommen haben. Hier gilt es, die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung ein?

Wichtig ist, dass die Investitionssicherheit durch das EEG erhalten bleibt und dass es verlässliche Grundlagen für alle Teilnehmer der Auktionen gibt. Die BImSchG-Genehmigung als Grundlage für Auktionen ist festgelegt worden. Das begrüßen wir ausdrücklich. So wird die Planungssicherheit der Unternehmen deutlich erhöht. Die Umsetzung der Vorhaben wird damit deutlich und der Ausbau der Windenergie kann stabil erfolgen. Weiterhin müssen die Ausbauziele für die Windenergie erhöht und Sonderausschreibungsmengen, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, auch tatsächlich eingeführt werden. Hier gab es zuletzt keine Einigung zwischen den Koalitionsparteien. Es wurden sogar neue Forderungen mit der Umsetzung des Sondervolumens verknüpft. Zahlreiche Stimmen fordern, dass mindestens ein Teil des Sonderausschreibungsvolumens 2019 umgesetzt wird, um die Ausbaudelle, die durch die Ausschreibungen in 2017 entstehen wird, in den nächsten Jahren teilweise auszugleichen. Wir unterstützen dies, denn im Interesse der Erreichung der Ausbauziele und des Klimaschutzes kann auf keine Windenergieanlage verzichtet werden.

Welche Erwartung hat die NORD/LB an die die zukünftigen Zuschlagshöhen in den nächsten Ausschreibungsrunden?

Ich erwarte, dass sich der durchschnittliche Zuschlagswert in den nächsten Ausschreibungen moderat reduzieren wird. Grundsätzlich gehen wir von einem weiter wachsenden Windmarkt in Deutschland aus.

Ist es richtig, dass viele Ihrer Kunden im Ausland noch aktiver geworden sind, seitdem sich abzeichnete, dass Ausschreibungen eingeführt werden sollen und sich die Rahmenbedingungen für Windenergie in Deutschland damit vielleicht verschlechtern?

Ja, es ist eine stärkere Fokussierung auf das Ausland erkennbar. Man muss aber auch sagen, dass wir unsere Kunden seit vielen Jahren ebenso erfolgreich bei der Realisierung ihrer Vorhaben im Ausland begleiten. Zum Beispiel blicken wir auf mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Umsetzung von Projekten in Frankreich mit einem Gesamtvolumen von weit mehr als 1 Gigawatt zurück. Unsere Kollegen in New York, London und Singapur setzten gerade im vergangenen Jahr viele Erneuerbare Energien-Projekte im amerikanischen, europäischen und asiatischen Raum erfolgreich um.  

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Infos zur Ausschreibung

Am 17. Mai 2018 wurden die Ergebnisse der zweiten Ausschreibungsrunde 2018 für Windenergieanlagen an Land veröffentlicht. Es sind insgesamt 111 Gebote abgegeben worden. Die Gesamtgebotsmenge betrug 604 MW. Die den Zuschlägen zugrundeliegenden Gebotswerte reichten von 4,65 ct/kWh bis zu 6,28 ct/kWh. Der durchschnittliche Zuschlagswert liegt bei 5,73 ct/kWh und damit noch auf Höhe des durchschnittlichen Zuschlagswertes der ersten Ausschreibung Wind aus Mai 2017 (In der vorhergehenden Ausschreibungsrunde lag der Zuschlag im Durchschnitt noch bei 4,73 ct/kWh.).

Anders als bei den sonstigen Bietern wird der Zuschlagswert bei den Bürgerenergiegesellschaften weiterhin nach dem Einheitspreisverfahren (uniform pricing) ermittelt. In dieser Ausschreibungsrunde beträgt er 6,28 ct/kWh und orientiert sich somit am höchsten bezuschlagten Preis dieser Runde.

Erstmalig war das ausgeschriebene Volumen (670 MW) unterzeichnet. Laut BNetzA hätten 1.384 MW genehmigte Projekte an der Ausschreibungsrunde teilnehmen können. Kein Gebot musste wegen Formfehlern von der Ausschreibung ausgeschlossen werden. Alle 111 Gebote erhielten demzufolge einen Zuschlag. 15 Bieter waren  Bürgerenergiegesellschaften mit Zuschlägen für 113 MW. Regional hatte Nordrhein-Westfalen mit 138 MW den größten Anteil am zugesagten Volumen. 2018 folgen noch zwei Ausschreibungen über jeweils 700 MW zu installierender Leistung, die nächste endet am 1. August 2018.