Private Nachfolgeplanung – für viele unangenehm, für alle wichtig

Auf wenige Themen reagieren Menschen so sensibel wie auf die Planung der eigenen Nachfolge. Viele meiden dieses Thema, und so hat nur etwa jeder Dritte in Deutschland ein Testament oder einen Erbvertrag. Der Großteil der Bevölkerung verlässt sich auf die gesetzlichen Regelungen und verzichtet darauf, sich beraten zu lassen. Nur wenige wissen, dass eine solche Beratung auch in der „eigenen“ Bank erfolgen kann. Katrin Wördemann, Spezialistin für Erb- und Stiftungsmanagement bei der NORD/LB, erzählt im Interview von ihren Erfahrungen.

Frau Wördemann, wie steigen Sie in ein so sensibles Thema wie die private Nachfolge mit Ihren Kunden ein?

Im Rahmen der ganzheitlichen Beratung erfragt der Ansprechpartner neben den persönlichen Verhältnissen des Kunden die vorhandenen Vermögenswerte und die individuellen Ziele und Wünsche für sein Vermögen. Dabei geht es früher oder später auch darum, ob unser Kunde bereits konkrete Vorstellungen von seiner Vermögensnachfolge hat.

Wie ausschlaggebend ist die persönliche Situation Ihres Kunden für die Nachfolgeplanung?

Erster Faktor ist der Familienstand: Ist unser Kunde oder unsere Kundin verheiratet, ledig oder geschieden? Gibt es einen Ehevertrag? Sind Kinder und/oder Enkel vorhanden? Leben die Eltern noch? Schon aus diesen familiären Gegebenheiten ergeben sich konkrete Konsequenzen für die Nachfolgeplanung. Gemäß der gesetzlichen Erbfolge sind alle Kinder gleich erbberechtigt, egal ob es sich dabei um Kinder aus erster oder zweiter Ehe, uneheliche oder Adoptivkinder handelt. Neben den Kindern erbt der Ehegatte, dessen gesetzliche Erbquote vom Güterstand bestimmt wird. Ohne ein Testament entsteht eine Erbengemeinschaft aus allen gesetzlichen Erben. Erbengemeinschaften bergen Konfliktpotenzial, da niemand ohne die Zustimmung der Miterben über einzelne Gegenstände des Nachlasses verfügen kann.

Wie offen gehen Ihre Kunden mit ihrer Vermögens- und Privatsituation um?

Ist es dem Berater gelungen, den Kunden für die Wichtigkeit einer Regelung zu sensibilisieren, besteht große Bereitschaft, offen über die individuelle Situation zu sprechen. Unsere Berater erreichen dies meist über das Thema Vollmachtsregelungen. Denn auch hier haben viele Kunden außer einer einfachen Kontovollmacht nichts geregelt.

Und wenn doch Testament und/oder Vollmacht vorliegen?

Das ist grundsätzlich gut, zeigt es doch, dass der Kunde sich mit dem Thema schon einmal befasst hat. Dann sollte hinterfragt werden,  wie alt das Testament ist und ob die enthaltenen Regelungen noch so gewünscht sind. Häufig ist das Testament aber veraltet oder auch rechtlich nicht eindeutig. Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, die Dokumente unter Einbindung spezialisierter Steuerberater und Juristen prüfen und überarbeiten zu lassen.

Angenommen, wir sprechen bei der privaten Nachfolge über einen Unternehmer oder Firmeninhaber. Wie stark sind dort Privat- und Betriebsvermögen miteinander verknüpft?

Da bestehen enge Verknüpfungen, die zwingend bedacht werden müssen. Regelungen im Gesellschaftsvertrag etwa gehen sowohl der gesetzlichen Erbfolge als auch einem Testament oder Erbvertrag vor.
Daher ist es unabdingbar, den Gesellschaftsvertrag bei einer Regelung der privaten Vermögensnachfolge zu berücksichtigen. Ohne eine Abstimmung der Regelungen kann der Todesfall eines Unternehmers zu ungewünschten einkommens- oder erbschaftsteuerlichen Konsequenzen führen.
Wir empfehlen Unternehmern, eine Notfallakte zu erstellen, in der alle wichtigen Regelungen und Kontaktpersonen zusammengestellt sind und die die Erben bzw. den Unternehmensnachfolger im Fall der Fälle umfassend informiert. Außerdem sollte geregelt sein, wer die Geschäftsführung übernimmt, sollte der Chef ausfallen oder versterben.

Wo fängt man am besten an, wenn man sich als Vermögender mit seiner Nachfolge auseinandersetzt?

Es gibt da keinen festgeschriebenen Weg. Für den unterschiedlichen Umgang unserer Kunden mit diesem Thema muss der Berater ein Gespür entwickeln.
Meist beginnen wir bei der Kontovollmacht und der Frage, was passiert, wenn ein Kunde seine eigenen Tätigkeiten, wie Bankgeschäfte, nicht mehr selbstständig ausführen kann. Zu entscheiden, wer die Kontovollmacht erhalten soll, ist der erste Schritt. Danach sollte man sich mit der Vorsorgevollmacht und einer Patientenverfügung auseinandersetzen. Letztere regelt die medizinischen Entscheidungen, die Vorsorgevollmacht regelt die täglichen Dinge wie Vertragsabschlüsse außerhalb der Bank. Für Bankgeschäfte gilt eine solche Vorsorgevollmacht nicht – dafür muss unser Kunde eine notariell beglaubigte Generalvollmacht erteilen. Solch eine Generalvollmacht verlangt jedoch sehr großes Vertrauen in den Bevollmächtigten – sie muss also gut überlegt sein. Auch das diskutieren wir hier mit unseren Kunden. Schließlich geht es darum, wie die gewünschte Vermögensnachfolge erreicht werden kann. Dafür bedarf es regelmäßig einer letztwilligen Verfügung in Form eines Testamentes oder Erbvertrages.

Dabei sind Testamente und Vollmachten eher Aufgabenbereiche der Rechts- und Steuerberatung. Warum bieten Sie als Bank diese Beratung an?

Weil wir unsere Kunden ganzheitlich beraten. Wir verknüpfen diese Themen miteinander, werfen Fragen auf und geben Hinweise für die weitergehende Beratung durch externe Spezialisten der rechts- und steuerberatenden Berufe. Diese entwerfen im Auftrag des Kunden Testament oder Erbvertrag, überarbeiten Gesellschaftsverträge und erstellen Vollmachtsregelungen.
Uns geht es in der Begleitung der Kunden in diesem Themenfeld vor allem darum, Konflikte unter den Erben zu vemeiden oder mindestens zu minimieren und den Bezug zur nächsten Generation aufzubauen bzw. aufrechtzuerhalten.

Was ist das Besondere an Ihrer Beratung in der Nachfolgeplanung?

Bei uns geht es nicht allein darum, zu erfragen, ob die Nachfolge geregelt ist, sondern wie und warum. Im Rahmen einer individuellen Analyse eines jeden Falls beleuchten wir die persönliche und die finanzielle Situation unserer Kunden und fragen anschließend nach den Zielen und Vorstellungen auch und gerade für die Vermögensnachfolge. Häufig gelingt es uns bei der Umsetzung der Vermögensstrategie, sinnvolle Aspekte der Vermögensnachfolge zu integrieren und die Erbengeneration aktiv einzubinden.