Praxisbewertung für Mediziner

Wenn junge Ärzte eine Praxis übernehmen oder neu gründen wollen, finden sie sich in einem Dschungel aus Rating-Anforderungen wieder. Die Praxis muss bewertet werden – ebenso wie die Finanzkraft des Arztes selbst. Wozu ist das alles eigentlich nötig?

Eine der ersten Fragen bei einer Praxisübernahme ist die der Bewertung. Sie ist in erster Linie für die Ermittlung des Kaufpreises ausschlaggebend. Dabei werden die Vermögenswerte und Umsätze, die zukünftig zu erwarten sind, zugrunde gelegt. Auch der Finanzierungsplan wird auf der Grundlage dieser Werte aufgestellt.

Finanzierungsfragen werden betriebswirtschaftlich betrachtet

„Bei jeder Finanzierungsanfrage betrachten wir die Praxis auch betriebswirtschaftlich“, erläutert Holger Lemke, Spezialist für freie Berufe bei der NORD/LB. „Wir schauen, ob das Projekt, das der Kunde sich vorstellt, überhaupt realisierbar ist.
Wir beraten da sehr offen und raten auch schon mal, noch ein bisschen zu warten oder nach einer anderen Praxis zu suchen, wenn beispielsweise die Immobilie eine zu hohe Investition erfordert.“ Sowohl für die Neugründung als auch für die Übernahme einer bestehenden Praxis gibt es diverse öffentliche Fördermöglichkeiten. Auch in diesem Zusammenhang sind die Bewertungen wichtig, denn sie werden von den Förderbanken abgefragt.

Ein Arzt ist heute gleichzeitig Unternehmer und trägt damit Verantwortung für seine Angestellten. Folglich hat er selbst ein großes Interesse daran, dass die Finanzplanung solide ist und sich seine Praxis auch tatsächlich langfristig rechnet.

Verschiedene Verfahren zur Praxisbewertung

Es gibt verschiedene Verfahren, um den Wert einer Praxis zu ermitteln. In Deutschland ist das Verfahren nach Professor Merk gängig. „Wenn Sie eine normale Arztpraxis bewerten, würde Sie das 1,2-bis 1,5-Fache des Nettojahresumsatzes zugrunde legen“, weiß Holger Lemke. Weiterhin gibt es noch das klassische Ertragswertverfahren, das üblicherweise von Steuerberatern angewendet wird. Hierbei werden die Erträge der letzten fünf Jahre ermittelt und dann mit einem angenommenen Zinssatz hochgerechnet.

Auch bei diesem Verfahren ergibt sich ein Wert, der in der Regel zwischen dem 1,2- und 1,5-Fachen des Jahresumsatzes liegt. Allerdings spielt auch die medizinische Fachrichtung eine Rolle: Besonders radiologische, kardiologische und nephrologische Praxen sind vergleichsweise teuer, weil sie aufwändig mit Spezialgeräten ausgestattet werden müssen.

„Die Bewertung einer Praxis wird anders vorgenommen, als es bei einer klassischen Immobilienfinanzierung der Fall ist. Deswegen führen wir auch die Analyse anders durch als bei einer Immobilienfinanzierung. Wir blicken sozusagen in die Zukunft und erstellen eine Ertragsbewertung für drei Jahre mittels Ertragsplaner und Liquiditätsplaner. Das wird dann von uns kritisch bewertet. Die Analyse eines Kreditfalles im Bereich Freiberufler ist viel umfangreicher, weil wir mehr beachten müssen als bei einer Wohnungsbaubewertung“, so Holger Lemke.

Für die Bewertung gibt es Kennzahlen

Es gibt verschiedene Kennzahlen, die ausdrücken, wie die Praxis zu bewerten ist: beispielsweise die Umsatzrentabilität, die Kostenquoten (Personal, Material, Räumlichkeiten) und das Verhältnis von Umsätzen beziehungsweise Gewinnen pro Praxis-, Arzt- und Helferinnenstunde.
Diese Zahlen ermöglichen eine objektive Einschätzung des Ertragspotenzials und lassen einen Vergleich mit anderen Praxen zu.

Auch der Arzt wird bewertet

Für die Bank und ebenso für öffentliche Förderstellen ist neben der Besicherung und Praxisbewertung auch das Rating des Arztes wesentlich, um Finanzierungsmöglichkeiten zu bewerten. Jeder Kunde wird von der Bank im Hinblick auf seine finanziellen Möglichkeiten eingeschätzt. Dieses Rating fließt in die Risikoberechnung einer Finanzierung ein. Auf Anfrage gibt die Bank ihren Kunden gerne darüber Auskunft. Das Rating ist jedoch nur ein Aspekt und wird im Falle von Medizinern immer ergänzt durch den zu erwartenden Praxisumsatz, der als äußerst zuverlässig eingeschätzt wird. Deshalb ist eine Praxisfinanzierung in vielen Fällen auch ohne Eigenkapitaleinsatz möglich.

Ratingverfahren gewährleisten größere Transparenz

Der Praxiswert wird wie beschrieben ermittelt, der Mediziner hat ein bankinternes Rating. Doch auch Banken ihrerseits werden bewertet: durch ihre Kunden, durch unabhängige Tests und Ratingagenturen. So schließt sich der Kreis: Was auf den ersten Blick aussieht wie eine übermäßige Kategorisierung, schafft größere Transparenz für alle und führt zu mehr Sicherheit bei Entscheidungsprozessen. Tatsächlich können Ratings bei genauerer Betrachtung also dabei helfen, den Dschungel zu lichten.