Auf ein Wort mit Friedrich Kallmeyer

Grüner Wasserstoff für die Industrie

Grüner Wasserstoff ist einer der wichtigsten Pfeiler für den erfolgreichen Umbau der deutschen Großindustrie zur Klimaneutralität. In energieintensiven Branchen wie beispielsweise der Stahl- oder Chemiebranche wird derzeit viel mit CO2-haltigen Energiequellen und grauem Wasserstoff gearbeitet. Für die CO2-neutrale Produktion der gesamten Industrie ist zukünftig allerdings der Einsatz von grünem Wasserstoff als wesentliche Energiequelle notwendig. Wie dieser Umbau gelingen kann, erläutert unser Kollege Friedrich Kallmeyer, Experte für Strukturierte Finanzierungen für Erneuerbare Energien, in unserer neuen Interviewserie.

Herausforderungen der deutschen Energiewirtschaft beim Umbau

Frage: Der Umbau der deutschen Energiewirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit ist eines der Mammutprojekte der Nachkriegszeit. Wo sehen Sie in finanzieller Hinsicht die größten Herausforderungen?

Friedrich Kallmeyer: Der Umbau der Energiewirtschaft dient insgesamt der Einhaltung des Pariser Klimavertrags. Bislang wurden in Deutschland im Rahmen der Energiewende vorrangig die Erzeugungskapazitäten für grünen Strom ausgebaut. Das allein wird zukünftig nicht mehr ausreichen. Schließlich sollen alle Energie- und Wirtschaftsbereiche langfristig decarbonisiert werden – also auch die industrielle Produktion, der Verkehr und die Gebäude – und das mit erhöhter Geschwindigkeit im Vergleich zum bisher Erreichten. Das schaffen wir nur über den Einsatz von CO2-freier Energie in Form von grünem Strom und grüner Gase bzw. grünem Wasserstoff. Demzufolge benötigen wir zukünftig erhebliche Investitionen für die Ausweitung der Produktionskapazitäten für diese klimafreundlichen Energien und für deren Einsatzfelder in Industrie, Chemie etc.

Allein für die Investitionen für die Erzeugung und den Einsatz von grünem Wasserstoff erwartet die EU gemäß Ihrer Wasserstoffstrategie Ausgaben von EUR 180-470 Mrd. bis 2050. Die Politik kann dafür günstige Rahmenbedingungen schaffen und über öffentliche Förderungen Investitionen anreizen, so wie es derzeit z.B. über die IPCEI-Projekte (Important Project of Common European Interest = IPCEI) erfolgt. Wichtig für Investoren und für Fremdkapitalgeber ist aber ein grundsätzlich funktionierender Business-Case, der zu einer Amortisation der eingesetzten Mittel bei unveränderter internationaler Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft führt. Dafür bedarf es Planungs- und Rechtssicherheit, damit die Geschäftsmodelle langfristig tragfähig sind.

Denken wir 20 Jahre zurück. Wer hätte es damals gedacht, dass wir es nicht zuletzt aufgrund der Einführung des Gesetzes für Erneuerbare Energien (EEG) und somit eines verlässlichen Rechtsrahmens bis heute schaffen, den Anteil von Strom aus Erneuerbaren Energien auf nahezu 50% der gesamten Stromproduktion zu steigern? Ähnlich würden unsere Kunden und wir uns das für die Unterstützung des Hochlaufs des grünen Wasserstoffs wünschen.

Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Wenn wir in Deutschland Stahl nicht mit CO2-intensiver Kohle als Energieträger produzieren wollen, sondern mit klimaneutral produziertem Wasserstoff, benötigen wir Milliarden-Investitionen in neue Produktionsanlagen und große Menge des derzeit noch verhältnismäßig knappen und teuren grünen Wasserstoffs zum Betrieb dieser Anlagen. Die Umstellung des gesamten Energiebezugs der Stahlproduktion in Deutschland auf grünen Wasserstoff würde zu einem zusätzlichen Bedarf von ca. 80 TWh pro Jahr führen, das ist mehr als der derzeitige gesamte deutsche Verbrauch von ca. 55 TWh, davon ca. 5 TWh grüner Wasserstoff. Damit verteuert sich die Stahlherstellung für international tätige Firmen wie die Salzgitter AG. Trotzdem muss gewährleistet sein, dass dieser Stahl am Ende gegenüber dem Stahl aus Ländern, die nicht auf diese Technologien umgestiegen sind, wettbewerbsfähig ist, damit die Salzgitter AG dafür Absatzmärkte findet.

Herausforderungen bei der Produktion von Wasserstoff

Frage: Wasserstoff ist neben der Elektromobilität eines der großen derzeitigen Trendthemen. Welche Herausforderungen sehen Sie in punkto Umsetzung?

Friedrich Kallmeyer: Heutzutage wird in Deutschland nahezu ausschließlich „grauer“ Wasserstoff verbraucht, der i.W. auf Basis von Erdgas durch Dampfreformierung hergestellt wird. Das Verfahren ist mit geringen Kosten aber hohen CO2-Emmissionen verbunden. Im Rahmen der Nationalen Wasserstoffstrategie rechnet die Bundesregierung bis 2030 mit einem Wasserstoffbedarf von ca. 90 – 110 TWh – eine Verdopplung des derzeitigen Verbrauchs. In den darauffolgenden Jahrzehnten würde der Bedarf weiter um ein Mehrfaches steigen, wenn Wasserstoff in der Industrie, dem Verkehr und den Gebäuden als Energiequelle verwendet werden soll.

Für die Rolle von Wasserstoff im Rahmen der Energiewende und des Klimaschutzes muss dieser zukünftig „grün“ werden, d.h. er muss mit Hilfe der Elektrolyse ausschließlich aus erneuerbaren Energien also grünem Strom hergestellt werden. Der dafür erforderliche Bedarf an grünem Strom ist enorm. Bei einem Wirkungsgrad von ca. 70% bei der Umwandlung von Strom in Wasserstoff durch Elektrolyse würde allein die Stahlindustrie zukünftig über 110 TWh grünen Strom und eine Elektrolyseurkapazität von ca. 40 GW (ca. 8.000 Volllaststunden p.a. unterstellt) benötigen. Das entspricht etwa der Hälfte der gesamten deutschen Grünstromproduktion von 2020 und dem Vierfachen des von der Bundesregierung bis 2035 geplanten Zubaus von Elektrolyseuren gemäß der Nationalen Wasserstoffstrategie. Die Herausforderung ist an dieser Stelle der Aufbau der für den erwarteten Bedarf notwendigen Produktions- bzw. Elektrolyseurkapazitäten, um den Markthochlauf zu ermöglichen und zum anderen die Umstellung der Produktion auf „grünen“ Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Kosten und die Schaffung des dafür verlässlichen Rechtsrahmens.

Das Ausbaupotenzial der erneuerbaren Energien, die für die Produktion von grünem Strom für grünen Wasserstoff benötigten werden, ist in Deutschland z.B. hinsichtlich der benötigten Flächen für Windkraft- und Solaranlagen bedingt erweiterbar. Auch unter den Annahmen, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien in den nächsten Jahren forciert wird, so wie es das EEG 2021 mit den Ausbaupfaden vorsieht und das die derzeitigen Abschaltungen von Erneuerbaren Energien Anlagen aufgrund mangelnder Netzkapazitäten zukünftig abnehmen, ist das vermutlich nicht ausreichend, um den enormen Bedarf an Grünstrom zu decken. Deshalb wird auch der Import von grünem Wasserstoff eine Rolle spielen und somit auch die dafür erforderliche Infrastruktur und Transportkapazitäten, die größtenteils noch aufzubauen sind.

Großes Potenzial für grünen Wasserstoff gibt es z.B. aufgrund der geringen Kosten für Wind- und Solarstrom in der Golfregion. Diese verfügt auch über qualifizierte Arbeitskräfte, eine sehr gute Infrastruktur und Expertise, da bereits jetzt grauer Wasserstoff per Dampfreformierung aus Erdgas gewonnen wird. In Saudi-Arabien wird z.B. derzeit der Aufbau einer Elektrolyseanlage mit 2 GW Kapazität und deren perspektivische Erweiterung auf bis zu 500 GW geplant. Der so gewonnene grüne Wasserstoff soll in Ammoniak umgewandelt werden und kann anschließend per Schiff weltweit exportiert werden.

Investitionsbedarf der Energiewirtschaft bei Umbau auf einen größeren Einsatz von Wasserstoff

Frage: Der Umbau der Energiewirtschaft auf größeren Einsatz von Wasserstoff ist mit immensen Investitionen verbunden. Mit welchem Finanzierungsbedarf rechnen Sie und wie dürfte dieser gedeckt werden?

Friedrich Kallmeyer: Eine erste Vorstellung über die großen Dimensionen für Investitionen in Wasserstoff-Technologien und den damit verbundenen Finanzierungsbedarf gibt der Förderrahmen für die nächsten Jahre. Allein die „Deutsche Wasserstoffstrategie“ sieht neun Milliarden Euro als Fördermaßnahmen vor, um den Markthochlauf von Wasserstofftechnologien zu unterstützen. Dabei sollen vorrangig Projekte gefördert werden, die die gesamte Wasserstoffwertschöpfungskette abbilden und Bereiche, in denen es keine Alternative gibt, um CO2 frei zu werden und die Investitionszyklen lang sind (z.B. Stahl- und Chemieindustrie). Hinzu kommen Förderungen aus Mitteln der EU im Rahmen des „Green Deal“ und der „Europäischen Wasserstoffstrategie“. Bis 2030 wird die EU ca. 145 Mrd. Euro an Subventionen und Darlehen dafür zur Verfügung stellen.

Konkret wurden vor wenigen Tagen im Rahmen eines europäischen Projektes (Important Project of Common European Interest = IPCEI) in Deutschland 62 Großprojekte durch das BMWi für Förderungen aus über 230 Förderanträgen ausgewählt. Diese sollen mit 8 Mrd. Euro aus Bundes- und Landesmitteln in den nächsten Jahren gefördert werden. Hinzu kommen Mittel der Unternehmen und Bankfinanzierungen. Insgesamt werden dadurch Investitionen von ca. 33 Mrd. Euro ausgelöst.

Wasserstoffprojekte in Norddeutschland

Frage: Was ist hier im Geschäftsgebiet der NORD/LB zu erwarten, also in Norddeutschland, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern? Welche Projekte unterstützen Sie derzeit konkret?

Friedrich Kallmeyer: In unserer norddeutschen Region gibt es derzeit viele Aktivitäten. Wir im Norden haben viel zu bieten aufgrund spezifischer Vorteile durch den hohen Bestand an Windkraftanlagen (On- und Offshore) bzw. an erneuerbarem Strom, den Häfen für Import & Logistik oder den Kavernen für die zukünftige Speicherung von Wasserstoff. Wasserstoff wird einer der wesentlichen Bausteine für den Erfolg der Energiewende sein. Es vergeht derzeit kaum eine Woche ohne Ankündigung für ein neues Großprojekt. So will z.B. der Energiekonzern Uniper am Standort Wilhelmshaven eine 400 MW große Elektrolyseanlage aufbauen. Ein anderes Beispiel ist die von einem Konsortium aus Gasunie, RWE und Shell geplante Transportleitung für grünen Wasserstoff aus der Offshore-Windenergie direkt ans Festland. Im Rahmen der IPCEI-Projekte wurden Projekte im norddeutschen Raum z.B. von Arcelor-Mittal, Faun, Salzgitter Stahl u.a. für die Förderung aus Bundes- und Landesmittel ausgewählt. Insgesamt entfallen auf Niedersachsen 10 IPCEI-Projekte, 4 auf Mecklenburg-Vorpommern, 3 auf Schleswig-Holstein und 5 auf Sachsen-Anhalt.

Wir stehen mit einigen dieser Initiatoren in engem Austausch zu Ihren Ideen und Projekten. Bei unseren langjährigen Kunden aus der Stromerzeugung von Erneuerbaren Energien geht es dabei aber weniger um großdimensionierte Industrieanwendungen, sondern z.B. um die Nutzung von EE-Strom aus Windkraft in Elektrolyseuren bis hin zur Vermarktung des H2 an Tankstellen für den Mobilitätsbereich.

Wir engagieren uns aber nicht nur in unserer Rolle als Finanzierer, sondern auch darüber hinaus. So waren wir z.B. einer der Mitgründer der Initiative des Oldenburger Energiecluster (OLEC) für die „Norddeutsche Wasserstoff-Allianz“. Des Weiteren engagieren wir uns bei den Verbänden aus dem Erneuerbaren Energien Bereich, die sich bereits seit geraumer Zeit mit dem Thema Wasserstoff beschäftigen.

Finanzierungsinstrumente der NORD/LB bei Wasserstoffprojekten und Besonderheiten der Spezialfinanzierung Wasserstoff

Frage: Mit welchen Instrumenten finanziert die NORD/LB Wasserstoffprojekte? Und was sind die Spezifika dieser Spezialfinanzierungen?

Friedrich Kallmeyer: Die Möglichkeiten unseres Hauses, Wasserstoffprojekte zu finanzieren sind grundsätzlich vielfältig und orientieren sich an dem konkreten Vorhaben sowie dessen Spezifika. Dabei kommt auch in Betracht, ob es sich um eine klassische Unternehmensfinanzierung handelt, die auf die Bonität des Unternehmens und die Sicherheiten abstellt, oder um eine Projektfinanzierung. Die strukturierte Projektfinanzierung bezieht sich dabei auf eine wirtschaftlich und rechtlich abgrenzbare Wirtschaftseinheit von begrenzter Lebensdauer, die sich selbst über ihre Cash-Flows refinanziert. Es wird also auf die zu erwartende Projektwirtschaftlichkeit und die für die Zukunft erwartete Schuldendienstfähigkeit abgestellt.

In unserem Segment der Spezialfinanzierungen für Erneuerbare Energien geht es i.d.R. um Letzteres. Wir arrangieren sowohl syndizierte als auch bilaterale Projektfinanzierungen und sind auch beratend tätig. Dafür bieten wir speziell auf das einzelne Projekt angepasste, unterschiedlichste Finanzprodukte an. Entscheidend wird sein, ob für den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft Projektfinanzierungsstandards entwickeln werden.

Mit unserer umfassenden Branchenkompetenz, unserer Leidenschaft für Innovation und unserem kundenorientierten Ansatz, bieten wir maßgeschneiderte, non-recourse Finanzierungslösungen, die auf die spezifischen Bedürfnisse unserer Kunden und Ihrer Projekte zugeschnitten sind.

Sofern Wasserstoffprojekte als langfristige Projektfinanzierung aufgesetzt werden sollen, erwarten wir einen soliden Business-Case, der über langfristige Kontrakte mit Lieferanten – insbesondere für den Grünstrom – und Abnehmern für den Wasserstoff gesichert ist. Ersatzweise können hierfür andere Strukturierungselemente wie z.B. Einbindung von Rückgriffsrechten auf Unternehmen bzw. Projektträger oder staatliche Garantien und Fördermittel helfen.

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